Von Steinweg zu Steinway

Henry E. Steinway, Gründer der weltberühmten Klavier- und Flügelfabrik Steinway & Sons in New York, wurde am 22. Februar 1797 als Heinrich Engelhard Steinweg in Wolfshagen im Harz geboren.

Über Steinwegs Kindheit und Jugend in Wolfshagen im Harz existieren zum Teil sehr widersprüchliche und kaum belastbare Informationen. Niemand hat das Leben des armen, einfachen Dorfjungen, der er damals wohl war, aufgezeichnet. Einzig die Eintragungen in Kirchenbüchern und Registern geben sichere Auskunft über einige wenige Fakten - doch selbst da tauchen Rätsel auf. Auch der Versuch einer genaueren Rekonstruktion seiner späteren Zeit in Seesen gleicht einem Puzzlespiel, das schon einige Teile verloren hat.

Der einzige, der genauestens hätte berichten können über seine Jahre vor der Auswanderung in die USA, war Steinweg selbst. Doch beginnt sich die Öffentlichkeit ja für eine Biographie immer erst dann zu interesssieren, wenn der Mensch bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Und zu diesem Zeitpunkt hieß Steinweg bereits Steinway und war mindestens 60 Jahre alt. Da kann im Gedächtnis schon mal etwas durcheinander geraten oder verloren gegangen sein. Außerdem: Steinway lebte nun in Amerika und hatte sicher kein Interesse daran, in seiner Biographie Einzelheiten zu erwähnen, die seinen guten Ruf möglicherweise hätten gefährden können. So ist es mittlerweile gesichert, dass Steinweg im Mai 1825 geheiratet hat - und nicht im Februar, wie man wohl lange Zeit glaubte. Warum diese Differenz? Nun, das erste Kind der Steinwegs wurde bereits im November 1825 geboren. Und nicht nur, aber besonders in Amerika galt es zu damaliger Zeit als verwerflich, ein Kind vor der Ehe gezeugt zu haben.**

Trotzdem sei hier der Versuch gewagt, den frühen Lebensweg von Heinrich Engelhard Steinweg alias Henry E. Steinway einigermaßen schlüssig darzustellen. Und soviel wissen wir denn sicher: Wolfshagen im Harz hat einen bescheidenen aber wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass aus dem einfachen, vollkommen mittellosen Dorfjungen ein großer, reicher und weltberühmter Mann wurde. Darauf dürfen wir rückwirkend ruhig ein bisschen stolz sein.

In Armut aufgewachsen

Heinrich Engelhard Steinweg soll angeblich das jüngste Kind von zwölf Geschwistern*** gewesen sein - die Kirchenbücher belegen, soweit wir bis jetzt wissen, aber lediglich neun Kinder (darunter ein Halbbruder). Warum die amerikanischen Quellen (von der Familie Steinway ja gespeist) von zwölf Kindern sprachen, ist rätselhaft. Wir gehen davon aus, dass der Rufname von Heinrich Engelhard "Engelhard" war, da seine Brüder ebenfalls den Heinrich im Namen trugen. Getauft wurde Engelhard in der Kirche St. Thomas.

Engelhard wuchs wohl unter sehr ärmlichen Bedingungen auf. Sein Vater, Zacharias Steinweg, war Köhlermeister von Beruf und so genannter "Brinksitzer" (Besitzer einer Hütte ohne nennenswerten Grundstücksbesitz). Seine Mutter Rosine Elisabeth geb. Bauerochse (was noch heute ein sehr verbreiteter Name in Wolfshagen ist) verstarb bereits 1810 "an der Brustkrankheit"**** - Engelhard war zu dem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt.

Über den Tod seines Vaters existieren widersprüchliche Angaben: Laut Kirchenbuch von Wolfshagen starb er im Sommer 1812, laut 1893 erschienener Biographie von Paul Zimmermann* (der sich ebenfalls auf die Kirchenbücher beruft) jedoch bereits ein Jahr früher. Fest steht: Engelhard war spätestens mit 15 Jahren Vollwaise. Sechs seiner Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt bereits ebenfalls nicht mehr am Leben - ein Bruder war wohl im Krieg gefallen, ein anderer mit dem Vater zusammen angeblich durch Blitzschlag, s.u., alle anderen starben noch im Säuglingsalter), ein Bruder verstarb 1820 an Auszehrung und über das Schicksal des jüngsten Bruders (Halbbruder) wissen wir nichts.

Zur Todesursache von Engelhards Vater existiert die Geschichte, dass dieser - sowie einer seiner Brüder - in einer Köte (Köhlerhütte) bei Altenau durch einen Blitzschlag ums Leben gekommen sei. In den Kirchenbüchern von Wolfshagen - so, wie sie uns heute zur Verfügung stehen - ist als Todesursache jedenfalls "Blitzschlag" genannt. Den Angaben des Biographen P. Zimmermann* zufolge aber sei im betreffenden Kirchenbuch als Todesursache "Auszehrung" angegeben und Zacharias Steinweg als "Häusling und Verarmter, sonstiger  Köhler" bezeichnet. Als Häusling wurde jemand bezeichnet, der nicht einmal mehr eine eigene Wohnung besaß. Heinrich Engelhard sei dann als sogenanntes "Armenkind auf Kosten der Gemeinde erzogen"* worden. Auch das ein Rätsel: Zu sehr unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Angaben im selben Kirchenbuch? Noch tappen wir im Dunkeln.

Wie dem auch sei: Kann man sich heute in unserem Land einen schwierigeren Start ins Erwachsenenleben vorstellen? Wohl kaum. Aber Heinrich Engelhard Steinweg schaffte das scheinbar Unmögliche. Er entwickelte sich vom armen mittellosen Köhlerssohn zu einem der bedeutendsten Männer in der Musik- und Wirtschaftsgeschichte, schuf einen weltberühmten Markenartikel und gründete eine allseits hochgeachtete und noch immer - längst international - erfolgreiche "Pianofortefabrik"* in den USA: Steinway & Sons. Welche Berühmheiten aus Klassik, Pop und Rock auch heute auf einen Steinway-Flügel schwören, ist hier nachzulesen >>.

Erste Erfahrungen als Instrumentenbauer

Anfang 1814 führten die historischen Ereignisse den jungen Heinrich Engelhard Steinweg zum Militär nach Braunschweig - von einem Fronteinsatz im Rahmen der Napoleonischen Befreiungskriege 1815 blieb er wohl verschont* (auch wenn andere - amerikanische - Quellen davon sprechen, er habe bei Angriffen das Trompetensignal geblasen).

Während seiner Zeit im braunschweigischen Truppencorps stellte sich heraus, dass er über ein großes musikalisches Talent verfügte. Geweckt wurde seine Begabung offenbar durch die Langeweile, die das Leben in der Truppe teilweise mit sich brachte: Heinrich Engelhard Steinweg vertrieb sich die Zeit mit Zither- (Cister?) und Gitarrenspiel und - wir ahnen nun bereits seine spätere Berufung - er baute sich selbst ein Instrument aus Fichtenholz, "dessen Ton allgemeine Bewunderung erregte". Dennoch nahm er seine militärischen Pflichten wohl so ernst, dass man ihn in der Armee gern behalten hätte. Doch er entschied sich anders, 1822 wurde Steinweg ehrenhaft aus dem Dienst in der Truppe verabschiedet.

Der - inzwischen 25 Jahre alte - junge Mann ging nach Goslar, um dort eine Lehre als Kunsttischler zu beginnen. Offenbar aber war Steinweg schon damals sehr ehrgeizig und vorausschauend: Weil ihm die gültigen Zunftgesetze die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit als Kunsttischler erst nach vielen Jahren erlaubt hätten, beendete er seine Ausbildung bei einem sogenannten "Freimeister" nach einem Jahr mit einem kunstvoll gearbeiteten Schreibtisch als Meisterstück. Anschließend soll er noch bei einem Orgelbauer in Goslar tätig gewesen sein.

Existenz- und Familiengründung in Seesen

Heinrich Engelhard Steinweg verließ Goslar und zog zunächst zurück in sein Heimatdorf Wolfshagen - und beantragte historischen Dokumenten zufolge erfolgreich, sich als Tischler in Wolfshagen niederlassen zu dürfen. Das Kirchenbuch von Wolfshagen verzeichnet die Trauung von "Heinrich Engelhard Steinweg, Beiwohner und Tischlermeister, mit Jungfer Johanne Juliane Henriette Thieme aus Seesen, des dasigen Bürgers und Handschuhmachers Gottlieb Thieme und dessen Ehefrau Dorothea Juliane, geborene Bierkamp, zweite eheliche Tochter, geboren am 20.1.1804" im Mai 1825 in Seesen. Seine Zeit in Wolfshagen war also recht kurz, er siedelte nach Seesen über - wohl, weil die Eltern seiner Frau ohne deren Unterstützung nur schwer hätten auskommen können.

In Seesen durfte er zunächst nicht als selbstständiger Tischler arbeiten. Ihm kam jedoch ein tragisches Ereignis zu Hilfe: Am 16. Juli 1825 wütete ein verheerender Brand in Seesen und der Wiederaufbau der zahlreichen zerstörten Gebäude erforderte u.a. "umfangreiche Bau- und Tischlerarbeiten"* - Steinweg durfte sich allen Zunftgesetzen zum Trotz nun doch als Tischler niederlassen. Am 6. November 1825 wurde das erste Kind des Paares, (Christian Friedrich) Theodor Steinweg geboren. Ihm folgten acht weitere - drei Töchter und fünf Söhne.

Der erste Flügel

Wir gehen davon aus, dass Heinrich Engelhard Steinweg zunächst seinen Lebensunterhalt als Tischler verdiente, er solle sich jedoch auch "mit dem größten Eifer hauptsächlich auf den Bau von Pianos"* gestürzt haben. Er beschäftigte sich grundlegend mit dem alten englischen sowie dem modernen deutschen Klavierbau und schuf seinen ersten Flügel, der die Vorteile beider Ansätze in sich vereinte. Um diesen Flügel ranken sich einige Legenden, er ging in die Geschichte ein als sogenannter "Küchenflügel" - ein Flügel, der wohl heimlich in der Küche seines Wohnhauses entstanden war, da dem Erbauer in seiner Tischlerwerkstatt offiziell nur das Reparieren und Warten von Instrumenten, nicht aber der Bau selbst, gestattet war. Steinway & Sons berichten, der Flügel sei 1836 vollendet worden. 170 Jahre später, im Jahre 2006, wurde der Öffentlichkeit ein originalgetreuer Nachbau des historischen Flügels vorgestellt - während das echte Original gut behütet bei Steinway & Sons in New York steht.

In anderen Geschichten heißt es, Steinweg habe seiner Braut Juliane zur Hochzeit (1825) ein selbstgebautes Tafelklavier geschenkt. Dieses erscheint jedoch recht unwahrscheinlich - ein solches Instrument baute man nicht mal eben so nebenbei. Steinweg hatte ja frühestens 1823 erst Goslar verlassen. Da sind wahrscheinlich einige Geschichten durcheinander geraten. Allerdings wurden Tafelklaviere noch bis 1888 bei Steinway & Sons in New York in Serie gefertigt.

Offenbar war es Steinweg in den Folgejahren nach dem Bau seines ersten Flügels 1836 dann doch möglich, sich auch ganz offiziell mit dem Bau von Flügeln zu beschäftigen, denn im August 1839 gewann Steinweg "auf der Gewerbeausstellung in Braunschweig die erste Medaille und in dem Componisten Albert Methfessel, der dem Preisgerichte angehörte, einen einflußreichen Förderer."*

Einen Rückschlag für die Weiterentwicklung seines Geschäfts erlitt Steinweg, als Braunschweig 1844 dem deutschen Zollverein beitrat: Seesen gehörte zwar zu Braunschweig, war jedoch umgeben von Landesteilen, die zu Hannover gehörten - und Hannover war dem Zollverein nicht beigetreten. Das erschwerte den Handel mit Instrumenten über die Seesener Stadtgrenzen hinaus in erheblichem Maße. Verschärfend hinzu kamen die durch die "Deutsche Revolution" 1848/49 verursachten politischen Unruhen.

Auswanderung nach Amerika

Diese Umstände führten Steinweg letztlich nach New York - er wanderte, wie so viele Deutsche seinerzeit, in die USA aus. Nachdem er zunächst einen seiner Söhne vorausgeschickt hatte, um die Lage zu erkunden, zog die Familie Steinweg mit ihren drei Töchtern und drei Söhnen im Mai 1850 nach und begann ein neues Leben in New York. Der älteste Sohn Theodor jedoch blieb daheim und führte das väterliche Geschäft fort.

Vater Steinweg und seine Söhne arbeiteten zunächst in verschiedenen Pianoforte-Fabriken, um den Instrumentenbau in Amerika kennenzulernen. Doch bereits im März 1853 gründeten sie gemeinsam in einem gemieteten Hinterhaus ihre eigene Produktionsstätte. Steinway & Sons waren geboren und aus Heinrich Engelhard Steinweg wurde Henry E. Steinway.

Das Geschäft wurde schnell ein Erfolg. Schon 1854 auf der Gewerbeausstellung in Washington gewannen ihre Instrumente den ersten Preis, viele weitere Auszeichnungen folgten - nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Insbesondere auf den Weltausstellungen in London (1862) und Paris (1867) machten die Flügel von Steinway & Sons Furore. Die Fabrik wuchs rasant, zog um und wurde laufend erweitert, auch in London und Hamburg wurden Produktionsstätten eröffnet. Ein informatives Video (in englischer Sprache) zu den Anfängen der Fabrik finden Sie hier >>

Der Sohn Theodor Steinweg, der in Deutschland geblieben war und hier das Geschäft gemeinsam mit seinem Partner Friedrich Grotrian ausgebaut hatte, ging schließlich 1865 ebenfalls nach New York, nachdem seine beiden Brüder Karl und Heinrich verstorben waren. Theodor Steinweg verkaufte seine Anteile an Grotrian. Auch diese Pianofortefabrik ist noch heute erfolgreich: Sie produziert ihre Instrumente unter dem Namen "Grotrian-Steinweg", offizieller Firmenname ist "Grotrian, Helfferich, Schulz,Th. Steinweg Nachf. GmbH & Co. KG", der  Firmensitz ist Braunschweig.

Heinrich Engelhard Steinweg starb am 7. Februar 1871 als Henry E. Steinway in New York.

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* Zimmermann, Paul, "Steinweg, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 36 (1893), S. 22-25 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/sfz81253.html#adb

** Friedrich Orend in "Heinrich Engelhard Steinweg - Lebensgeschichten / Jeschichten iut san Li'em", 2013, Verlag Goslarsche Zeitung, ISBN 978-3-9813191-9-4

*** "Encyclopaedia of Contemporary Biography of New York" von 1882, Vol. II, S. 362

**** Kirchenbücher von Wolfshagen

Fotos / Abbildungen:
Portrait: von Unbekannt (Popular Science Monthly Volume 40) [Public domain], via Wikimedia Commons
Köte: Antje Radcke
Tafelklavier: von Anonymous engraver [Public domain], via Wikimedia Commons
Zither: (bearbeitet) Urheber Daderot, Public Domain, gemeinfrei
Söhne und Enkel: von Unbekannt. (Library of congress.) [Public domain], via Wikimedia Commons
Firmengebäude: von Industrial America; or, manufacturers and inventors of the United States. [Public domain], via Wikimedia Commons

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